In der Stille liegt die Kraft

Wie soll das funktionieren, mit der Kraft der Stille? Nur wenn was passiert, geht es doch auch voran, oder?

Schnell sind wir in der Falle dieser Denkweise des Machens. Doch “wohin soll es gehen” ist die vorab viel wichtigere Frage. Und die Antwort darauf liegt im “Stillen Sein”.

Worum geht es und wie kann ich mich darin üben?

Geschichten helfen uns, diese Zusammenhänge zu erkennen.

Wir führten einen Event in Darmstadt durch. Treffpunkt am Lager um 5:45Uhr, Abfahrt 06:00 Uhr, um idealerweise um 06:30 Uhr an der Lokation zu sein. Viel Puffer-Zeit hatten wir dort für den Aufbau nicht. 05:41 kam die S-Bahn (Station direkt vor unserer Tür) und darin leider nicht 2 unserer Musiker sondern nur einer. Ein Anruf ergab, dass der fehlende Kollege die Ankunftszeit an der Lokation mit der Ankunftszeit am Lager verwechselt hatte und mit der S-Bahn um 06:35 Uhr kommen wollte. Er war noch am Hauptbahnhof Frankfurt.

Das Gute war, dass wir an diesem Tag sowieso mit 2 Wagen fahren mussten, weil ein Teil des Teams direkt danach zu einem Folgetermin musste. Also entschieden wir, den Wagen mit dem Material sofort los zu schicken, 2 Mitarbeiter bauen dort schon auf, der Musiker in Frankfurt steigt in ein Taxi, kommt zum Lager und wir fahren zusammen hinterher. Damit wäre der Aufbau um 06:30 gesichert, das ganze Team um ca. 07:00 Uhr dort, alles total in der Zeit, halt 50€ für das Taxi vernichtet (die wir natürlich unserem Kunden nicht in Rechnung stellen).

In der schnelle der Entscheidung fanden das alle einen guten Plan.

Die Natur der Sache lies ich mich keine 2 Minuten später alleine im Lager wartend zurück. Völlige Stille kehrte ein. Ich fragte mich, was ich nun die gut 25 Minuten machen würde, bis der Musiker zum Taxistand gelaufen und hierher gefahren war. Und es war exakt diese Stille im Sein statt Aktionismus, die mich plötzlich das Offensichtliche erkennen lies:

Warum fahre ich nicht selber an den Hauptbahnhof? Es ist kurz vor 6 Uhr, kein Verkehr, ich brauche 15-20 Minuten! Im schlimmsten Fall bin ich dort, wenn das Taxi hier wäre. Und ohne 50€ Kosten. Von dort ist es genau so weit zur Lokation wie von hier. Ich kann dort direkt auf die Autobahn fahren und bin sogar schneller als von hier über die Landstrasse unterwegs.

Also rief ich den Musiker an, fuhr los, packte ihn vorm Bahnhof ein, fuhr über die noch völlig leere Autobahn und war … um 06:36 in Darmstadt an der Lokation.

Gerade mal 6 Minuten nach dem vorgefahrenen Team, das gerade erst anfing auszuladen.

Diese Lösung war logisch, doch auch komplex. 

Uhrzeit und Straßenverkehr-Prognose waren abzuwägen.

Dass der Hauptbahnhof, Drum Cafe und die Lokation in der Strecke fast auf einem Dreieck lagen galt es zu erkennen. Dass die Strecke meiner Kollegen über Landstrasse führt und eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung für mich über die Autobahn geht ebenso.

Dass wir eh zwei Fahrzeuge hatte bot Chancen.

Außerdem sind wir als Drum Cafe im Krisenmanagement auf positive Weise konditioniert. Wir sind in 3.000 Veranstaltungen noch nie zu spät kamen, weil unsere Präsenz vor Ort oberste Priorität hat und wir im Krisenfall instinktiv die schnellste, einfachste und sicherste Lösung wählen. Kosten sind da zweitrangig.

Es ist diese Konditionierung und der mangelnde Weitblick in einer Instinkthandlung, der uns früh morgens im 05:50 Uhr eine gute aber eben nicht die cleverste Lösung wählen lies. Ein Stop und erst mal Druck rausnehmen war die Basis für die weisere Erkenntnis.

Gleichzeitig ist mir völlig klar, dass diese Ruhe nur einkehren konnte, weil wir einen ebenso funktionierenden – wenngleich nicht so optimalen – Alternativplan verabschiedet hatten.

Dieser Plan lief, das Team war unterwegs und so trat die Stille ein, in der ich auf neue Ideen kam. 

Es ist die Stille und das Ruhen im Sein, aus der die Kraft kommt, gute Entscheidungen zu treffen. Sich dieser Tatsache bewusst zu sein hilft dabei, diesen Zustand aktiv zu suchen. In Projekten und Kreativ-Prozessen aktiv Stop-Momente zu kultivieren und nach innen zu hören.

Wichtig ist dabei, dies als Methode zu erkennen und nicht den ruhigen Moment durch neue Taten (jetzt habe ich ja mal Zeit) zu überlagern. Hätte ich an diesem Morgen sofort begonnen das Lager aufzuräumen, wäre ich wohl nicht auf diesen Zusammenhang gestoßen. Oder zu spät.

In unseren Events und Trainings machen wir auf diesen Zusammenhang aufmerksam, indem wir die 10, 100 oder 1.000 Menschen einen treibenden Rhythmus spielen lassen, mit all der Energie im Raum, um dann zu einem kontrollierten Stop zu gelangen, in dem man eine Büroklammer fallen hören könnte.

Jedes Räuspern, jede Tür, ja sogar die Klimaanlage des Raumes oder das betriebsame Arbeiten in der entfernten Küche der Lokation werden plötzlich wahrnehmbar.

Geräusche, die sonst untergehen. Sie sind daher als Metapher zu verstehen, für die vielen Dinge (Ideen, Impressionen, Inspirationen, Geschehnisse, Gedanken, Hilfe von außen, etc.) die wir ebenso „untergehen“ lassen, wenn wir nur im Autopilot im Hamsterrad rennen.

Das Beispiel der Anreise mag trivial wirken. Ging es doch nur um 30 Minuten früher oder später ankommen. Das Schema “die Stille hält gute Antworten für uns bereit” bleibt davon unangetastet.

Nächstes Mal ist es eine existentielle Krise und in dieser Situation im Hier und Jetzt zu sein statt nur zu agieren, ist ohne Übung ungleich schwerer.

Es gibt so viele Möglichkeiten, das zu üben. 

Es geht nur um den Wechsel zwischen “Aktion” und “Stille”, zwischen “Tun” und “Sein” und darum, die damit verbundenen Bewusstseinszustände von “Fokus” und “Gewahrsein” zu spüren und zu kultivieren.

Das Stop-Tanz Spiel aus Tagen unserer Jugendparties (die Musik stoppt und keiner darf sich mehr rühren) ist in vielen Kulturen der Welt eine spirituelle Übung. Bei uns ist es ein Teeny-Partygag und trotzdem das Erlebnis einer achtsamen Stop-Übung zugleich.

Im Business-Kontext wirkt diese Übung sicher (noch) unangebracht.

Alternativ lassen Sie doch einfach mal im nächsten Meeting die Menschen 2-4 Minuten in 2er Teams ein Thema verbal austauschen und setzen Sie danach bewusst 1 Minute absolute Stille ein.

Dann wieder ein Thema. Hin und her.

Am Anfang fühlt sich das merkwürdig an. Mit ein bisschen Praxis wird bewusst, dass der Austausch durch die nachfolgende Stille an Qualität gewinnt und das Gewahr-“Sein” in der Stille erst die neuen Resultate liefert.

Viel Spaß beim Erforschen der Stille – gerade in der hektischen Welt heute. 

Viele Grüße, Matthias Jackel

PS Beim Drum Cafe Academy Tooltag am 19. Mai 2019 sowie im Train-The-Trainer am 16.-18. August 2019 (beides im Rhein-Main-Gebiet) können Sie sich viele Tools der Drum Cafe Methodik inkl. unserer Stille-Übungen für Ihre eigene Arbeit aneignen. Für den 19. Mai endet die Anmeldefrist bereits am 06. Mai. Bei Interesse und Fragen senden Sie bitte einfach eine Email an info@drumcafe.de

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